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Der Brief aus Texas, Februar 2022
Warnung: Dieser Blog trägt deutliche Spuren eines vielgereisten und in Teilen auch Amerika-geschädigten Fotografen mit kritischen Zügen. Absolute Amerika-Fans sollten diesen Blog vielleicht besser auslassen. Wir übernehmen keine Haftung.

Der West-Texas-Highway rollt sich in verpesteter Luft vor uns aus wie eine schuppige Asphalt-Schlange. Ölbohrtürme und verlotterte Geisterstädte flimmern an unseren Autofenstern vorbei. Aus den Lautsprechern unseres Wagens dröhnt texanische Musik von Robert Earl Keen, The Flatliners, den Texas Tornados. Dann klingt der Tex Mex Boogie von Joe King Carrasco. „Verdammt“, denke ich, „wie kann so ein Land dermaßen gute Musik hergeben.“
Wir fahren von Dallas nach Marfa, verfluchen die rasenden Lastwagen, die ganzen Fracking Wells und den starken Wind, der unseren Chevy Suburban wackeln lässt. Texas besteht hier nur aus flachem Land mit struppigem Bewuchs und vielen Cowboy-Mythen. Der Osten des Bundesstaates ist feucht und bewachsen, der Westen staubtrocken und voll von kleinem Gestrüpp und Kakteen. Als der Spanier Cabeza de Vaca und seine Expeditionstruppe 1528 in Florida von Einheimischen angegriffen wurde, schleppte er sich mit vier Kumpanen Jahre lang nackt durch Texas und schaffte es schließlich ins spanische Mexiko.
1618 fingen die Spanier an, erste Befestigungen und Missionen zu bauen mit der Absicht, diesen Teil Nordamerikas dem Spanischen Imperium einzugliedern. Nach der Unabhängigkeit Mexikos von Spanien 1821 öffneten die Mexikaner die Grenzen, um angloamerikanische Siedler anzuziehen und die Region zu besiedeln. Die von Norden einfallenden Comanchen, welche dank der von den Spaniern mitgebrachten Gäule zu einem gefürchteten Pferdevolk wurden, bauten ihre komplette Ökonomie auf Büffeljagd und Raubzüge gegen Mexikaner auf. „Das waren richtige Schweinehunde“, sagt mein Freund, der First People-Experte Thomas Jeier. In der Tat waren die Comanchen eine räuberische, brutale Bande. Wer das nicht glaubt darf gerne einmal die friedlichen Yaqui Indianer fragen, was sie von den Comanchen halten. Heute sind jedoch auch die Nachfahren der Comanchen ein friedfertiges Volk. Die alten Konflikte sind längst begraben, zumindest unter den First Nations.


Die von Mexiko angeworbenen Anglo-Amerikaner entpuppten sich als eine Art Trojanisches Pferd. Diese rauen Siedler, deren Präsidenten seinerzeit auch bekannt waren als Sklavenhalter (Washington), Sklavenschänder (Jefferson) oder einfach brutale Grundstücksspekulanten und Massenmörder (Andrew Jackson) wollten das heutige Texas für sich. Die Natives wie auch die Mexikaner blieben auf der Stecke und verloren ihr Land. 1845 wurde Texas Teil der Vereinigten Staaten. Die Texas Ranger behaupteten die White Supremacy und wurden zur legendären Polizei Texas‘.
Heute ist der Staat auch bekannt für Überheblichkeit, Religionswahn und Waffennarrentum. Die Landschaften sind fast überall noch genauso stinklangweilig wie zu Zeiten der Comanchen, nun aber durchzogen von Ölfeldern, Fast Food-Läden und Auto-Händlern.

Während mir das alles durch den Kopf geht, sehe ich rechts am Rand des Highways einen Prada-Laden. Das Schaufenster ist hell erleuchtet. Es gibt Handtaschen und Stiletto-Heels. Ganz alleine steht das seltsame Gebäude hier am Rand des Highways unter dem weiten Himmel von Texas. Es ist aber in Wahrheit gar kein Modegeschäft, sondern eine lebensnahe Skulptur der Künstlerduos Elmgreen & Dragset. Einige Meilen weiter am Highway stehen riesige Billboards mit Motiven aus dem Film Die Giganten: James Dean, Elizabeth Taylor und Rock Hudson in der Weite des Graslandes. Musik rieselt aus versteckten Lautsprechern und hinten in den Bergen bauschen sich riesige Gewitterwolken auf. Endlich sieht Texas gut aus, so wie man sich das wünscht. Wie in einem Buch von Larry McMurtry oder Elmer Kelton.
Dann sind wir in Marfa, einem kleinen Künstlerort wo sich die schicken Stadtleute an den Wochenenden die Caffe Lattes streitig machen. Es ist hier wie in einem Trendviertel von Austin. Die Leute tragen enge Designer -Jeans, sau-teure Boutique-Boots und Hüte, die ein Cowboy nie tragen würde. „Es ist very cool und etwas strange“, denke ich. Bei den Läden wird darauf hingewiesen, dass Waffen drinnen nicht erwünscht sind, was schon fast ein Sakrileg ist in Texas. Der Ort ist eine liberale Enklave, wie Austin mit einem Meer von Trump-Wählern.
Bei unserem Hotel steht eine Gruppe angetrunkener Senioren. Einer kommt auf mich zu und fragt, ob mein Hut ein Pork Pie Hat sei. Ich sage, „nein, ein Fedora“, und er kommt noch näher. Ich sehe seine rot unterlaufenen Augen, denke an COVID und signalisiere ihm, Abstand zu halten. Er bleibt wie angewurzelt stehen und sieht wütend aus. Ich erkläre, was ein Pork Pie Hat ist, aber er hat das Interesse verloren und geht beleidigt zu seinen angeheiterten Leuten zurück.



Am kommenden Morgen fahren wir früh los in Richtung Big Bend. Der Big Bend Nationalpark und die Berge entlang des Rio Grandes sind die wohl landschaftlich fotogenste Ecke von ganz Texas. Wir wollen dem Rio Grande folgen, damit wir den Blick auf Mexiko haben. Im Ort Presidio, einer ehemaligen Spanischen Garnison, stellen wir verwundert fest, dass sich hier viel getan hat. Wo früher gerade ein paar Häuser standen sieht es jetzt aus wie in einer mexikanischen Stadt. Es sieht überhaupt aus wie in Mexiko, nur die Autos sind neuer und teurer.
Der Rio Grande ist nur noch ein braches Rinnsal, man kann ihn zu Fuß locker überqueren. Weit und breit gibt es zwar keine Mauer, aber die Grenzwacht ist überall. Weiße Überwachungs-Drohnen schweben am Himmel. Am Closed Canyon, einer engen Schlucht, machen wir eine kleine Wanderung. Es ist ein Canyon wie man sie oft in Utah sieht. Früher, vor 20 Jahren waren wir hier alleine und es gab noch keine Hinweisschilder. Heute muss man Eintritt zahlen, denn er liegt im inzwischen gegründeten Texas Ranch State Park. Ich zahle nicht, denn ich mache es wie die Texaner. Leider kann ich aus religiösen Gründen einem Staat wie Texas kein Geld geben, denn er lehnt Schwangerschaftsabbrüche kategorisch ab. „Ich habe eine religiöse Ausnahmebewilligung“ murmle ich vor mich hin. Natürlich prüft mich keiner und ich muss mich nicht mit einem Ranger auseinandersetzen.
Die Landschaften sind grandios. Die Berge auf der Mexiko-Seite bizarr und schroff. Es gibt Fels- Zinnen und -Kegel und Badlands. Noch hat es gute Wolken am Himmel, so dass ich dauernd stoppe und Bilder mache. Der Hunger treibt uns nach Terlingua, einer Ghost Town, wo viele Aussteiger leben. Unser Hotel lässt uns noch nicht einchecken. Es gibt ein mexikanisches Restaurant, dass anscheinend halbwegs OK sei. Die meisten Restaurants sind erst abends auf oder für Vegetarier unbrauchbar. Ich tanke kurz an einer schäbigen Tanke, welche mit einem „Fuck Biden“-Aufkleber geschmückt ist, schmuddelige alte Männer mit verlausten Bärten kommen und gehen.
Dann parken wir vor dem Restaurant, welches in einer mit Restbeständen zusammengeschusterten Hütte untergebracht ist. Holz ist rar hier in der Wüste. Alles musste hergebracht werden. Rundherum ist nur Sand, Lehm und Lavagestein. Die Bruchbude ist von verbeulten und schmutzigen Kleinlastwagen umringt. Beim Eingang kommt uns der Wirt entgegen. Er trägt eine ehemals weiße Schürze voller braunroter Kleckse. Er hat schlechte Zähne und ein von Leid gezeichnetes Gesicht. „Es gibt kein Wasser“, sagt er, „aber wir haben genug zu essen da“. Ich erinnere mich an Botswana wo es auch kein Wasser gab und das Team den Salat im Fluss gewaschen hatte. Mehrere Leute wurden krank damals, und ich will so etwas nicht nochmal erleben. Drin im Laden ist es gerammelt voll. Keine Gesichtsmaske ist zu sehen, weder bei den Gästen noch dem Personal. In der Küche scheinen nur Teenager zu arbeiten. Ich schaue auf die Teller vor mir. Eine Frau mit gewellten Haaren und roten Backen hat einen Teller voller halb frittierter Pommes vor sich. Die Fritten sind umgeben von brauner Bohnensauce, gelblich zerlaufenem Käse und einer Art Enchilada. Es sieht aus, als ob sich auf dem Teller ein Hund übergeben hätte. Der Teller ist aus Pappe und die Gabel aus Plastik. „Lass uns Covidistan verlassen“, sage ich zu Regula, die auch gerade auf den Teller schaut und wortlos zur Türe hinausgeht.
Es war der einzige Versuch, in Terlingua auswärts zu essen. Es gibt nämlich einen tollen kleinen Laden, wo man alles kaufen kann. Wir verpflegen uns also im Hotel selbst, auch abends, wenn die etwas besseren Restaurants offen sind, denn dann gehen wir immer in den Park zum fotografieren.
Früher, als wir monatelang im Nationalpark campierten, kochten wir immer selber oder waren mit dem Camper da und mussten nicht im Hotel wohnen und auswärts essen. Diesmal schon.
Die Hotels in USA sind gerade unverschämt teuer geworden. In Terlingua gibt es kaum Auswahl und so ergatterte Regula noch ein Zimmer für vier Nächte im Mining Hotel, einem rustikalen Motel inmitten von Lehmbergen und Wüstenstaub. Vor dreißig Jahren wohnte ich hier mit Stefan Nink auf einer Globo Reportage und seither wurde nichts erneuert. Beim Einchecken erklingt draußen der wohl furchtbarste Country-Song aller Zeiten, die Faschisten Hymne „God bless the USA“. Das Bad erinnert an einen Puff im Wilden Westen. „Der Fußboden würde durchbrechen, wenn da nicht ein schmuddeliger Spannteppich drüber wäre“, denke ich. Es gibt Mäuse, denn auf dem Bett finden wir kleine Kot-Kegel.
Nach einer Nacht unter Mäusen geben sie uns eine Cabin, die um einiges besser aussieht und eine Küche hat.


Am kommenden Nachmittag waten wir durch braches Wasser in den Santa Elena Canyon, eine gigantische Sandstein-Schlucht, durch die Nink und ich geraftet waren. Heute hat sie so wenig Wasser, dass man nach Mexiko herüberlaufen kann. Ein Mann tut das genau in dem Moment, wo ich meine Kamera schussbereit auf dem Stativ habe. Die späte Abendsonne wird von der großen Felswand reflektiert. Es ist ein herrliches Bild, wie man es sich besser nicht vorstellen kann. Es ist heiß, noch immer etwa 36 Grad im Schatten, und nur wenige Leute sind da. In der Nebensaison halte sich hier eben kaum Menschen auf. Erst später im Jahr kommen die Rentner mit ihren großen Wohnmobilen angekarrt, um hier zu überwintern.

Nach den herrlichen Tagen im Park, in dem die Cojoten heulen und die Natur noch wild ist, fahren wir nach Alpine. Wir hatten uns tagelang selber verpflegt und freuen uns auf ein Restaurant. Das Quarter Circle 7 ist in einem riesigen Schuppen außerhalb der Stadt. Es gibt eine Bühne und eine gigantische Bar. Die Serviererinnen haben alle knallenge Jeans mit Bell Bottoms an. Alle haben pechschwarze Haare und ein Handy in der Hinterntasche. Ich staune, dass sie die Dinger da reinkriegen, so eng und drall sind die Hosen. Uns bedient ein alter Kellner mit wackligen Beinen, schlechten Zähnen und der leidigen Angewohnheit, einem zu nahe zu treten. Statt uns das Special zu erläutern sagt er, dass er vergesslich sei. Er habe heute prompt vergessen, seine Tabletten zu nehmen. Alt werden sei nichts für Schwächlinge. Ich schaue sehnsüchtig der jungen Bedienung nach, die alles im Griff zu haben scheint und gerade eine riesige Portion Pommes anschleppt. Regula schaut auf die Karte und wir dürfen schließlich bestellen.
Beim Warten beobachte ich die Leute. Alle sind gut verteilt im riesigen Raum und ich bin wegen Covid einigermaßen beruhigt. Es gibt viele richtige Männer, denen wahrscheinlich die überdimensionierten Kleinlastwagen draußen gehören. Alle tragen Baseballmützen, nur ein alter Rancher trägt einen weißen Cowboyhut. Die Frauen heißen wahrscheinlich alle Sue Ellen oder Baby Jean. Auch sie tragen Cowboystiefel. An dem uns am nächsten gelegenen Tisch kommen die Teller. Große Hamburger mit Fritten. „Jetzt will ich wissen wie man so ein Ding richtig isst”, sage ich zu Regula. Ich habe noch immer Probleme, einen Hamburger – sprich Veggie-Burger – fachgerecht zu essen. Der Mann, großer Bart, klobige Hände und Baseballmütze, packt den Burger mit beiden Händen, wie mit einer großen Kralle aus Metall, presst das Ding zusammen und beißt ein gigantisches Stück davon ab. Saft tropft runter auf den Teller, ein Teil der Gurke hängt aus dem Mund und wird reingesogen in den Schlund. „Und jetzt“, sage ich zu Regula, „jetzt kommt’s“. Der Rest des Burgers geht auf den Teller zurück. Die Finger werden alle einzeln abgeleckt und dann die Hand kurz am Hosenbein abgewischt und noch schnell im Haar nachgesäubert. Die Frau macht es gleich, benutzt aber die Serviette anstatt Hose und Haare.
„Warum gehen die überhaupt in ein Restaurant“, frage ich mich. Alles wird ohnehin aus der Hand gegessen, eigentlich reicht ein McDonalds. „Red‘ nicht so viel“, sagt Regula, und unser Kellner schlurft an. Ein Finger im Salat, keine Maske, aber doch recht prompt. Der Lachs ist ganz gut. Der Kürbis komplett versalzen und der Reis – ach, lassen wir das. „Iss und gib Ruhe“, sagt Regula.
Die Frauen mit den engen Jeans drücken nun alle am Telefon rum, der Greis ist verschwunden und der Rancher wedelt lustlos die Fritten durchs Ketchup, bevor er sie melancholisch ins Maul schiebt. Die Hamburger wurden schnell weggeputzt. Dann kommt der Kellner und sagt die urtypische, einstudierte Floskel: „Thank y‘all for coming, it was a pleasure having you. Please come back and see us soon.“
“Soll ich ihm eine verpassen?“, frage ich Regula auf schwytyzrdütsch. “Sei still und vergiss das Trinkgeld nicht”, kommt die Antwort. Ich sage nichts und bezahle. Keiner fragt, wie es war. Denn sie wissen wie es ist.
Dann, in Alpine hat Regula ein kleines Motel aus den fünfziger Jahren gebucht, das den Charme der frühen Jahre widerspiegelt. Saltillo-Fliesen und wunderschöne Holztüren gibt es, und das Bett ist komfortabel weich. Ich trinke einen Schuss Tequila und bin mit Texas versöhnt. Mindestens bis zum Morgen-Kaffee. Aber Regula hat bereits einen Espresso-Laden aufgetan, der anscheinend hervorragend ist. Ich lege mich hin. Der Tequila wärmt angenehm meinen Bauch. Ich höre die Eisenbahn draußen, und den Autoverkehr wie einen Fluss von wahnwitziger Mobilität. Ich lese im brutalen Meisterwerk von Gormack McCarthy, „Bloody Meridian“, in dem ein Skalpjäger gerade eine alte Mexikanerin skalpiert, und bin wieder einmal fasziniert von dieser seltsamen Mischung aus Amerika-Magie und Alptraum. Dann schlafe ich langsam ein, nachdem ich nur noch ein sanftes „schlaf gut“ von Regula und ein weiteres Tuten der Eisenbahn vernehme. Der Tequila entführt mich ins Nirgendwo.










Christian Heeb, © 2022
Der Brief aus der Schweiz, August 2021
Der Flug von San Francisco nach Zürich mit der SWISS Airline ist erstaunlich voll. Es ist ein seltsames Gefühl, nach über einem Jahr wieder in einem Flugzeug zu sitzen. Wir sind so lange nicht mehr gereist, dass ich richtig eingerostet bin und die charmante westschweizerische Stewardesse prompt auf Französisch anrede – was mir eigentlich völlig fern liegt. Vorne thront ein großes Bild vom Matterhorn und die maskierten jungen Damen der Crew tänzeln wie verschleierte arabische Schönheiten zwischen den Gängen hin und her. Wir dürfen dank unseres Schweizer Passes bequem ein- und dank des Ami-Passes auch wieder in die USA zurückreisen.

Zwei Tage später sitzen wir auf der Terrasse des Chalets am Grabserberg und schauen, wie der Nebel vom Voralpsee aufsteigt und sich wie der Geist aus der Flasche ins Nichts auflöst. Regula hat als Kind hier ihre Sommer verbracht, manchmal auch Weihnachten gefeiert, damals, als die Familie noch die letzten Hundert Meter zum Haus durch den Schnee stapfen musste. Eine Straße gab es noch nicht. Hier tobte sie wie eine blonde, kleine Heidi durch die blühenden Wiesen und entwickelte ihre Liebe zur Natur. Gut für mich, dass sie hier nie auf ihren Ziegenpeter stieß so dass ich mich noch einbringen konnte.
Heute, nach 25 Jahren im trockenen Oregon und in der Wüste Mexikos genießen wir den Regen, die feuchte Luft und die grüne Landschaft. Regula ist jetzt stolze Besitzerin des Grundstücks mitsamt dem Chalet. Ihre Patentante wie auch leibliche Tante ist die nächste Nachbarin und besitzt das Haus unter uns. Ich, der Fotograf, staune über die Lichtstimmungen und die wildromantische Landschaft hier. Ich mache dauernd Bilder, einfach weil es so schön ist und ich alles als exotisch empfinde.
Dann beginnt das Entrümpeln des Chalets. Fünfzig Jahre Leben müssen entfernt werden. Ich kann das, ertappe mich aber öfters beim lauten Fluchen, wenn ich gerade eine von Mäusen zerfressene Skihose aus den sechziger Jahren finde oder eine Ansammlung von vergammelten Globi-Büchern im Keller. Die Generation unserer Eltern hatte nie was weggeworfen aber doch gerne was gekauft.

In Oregon, zu Hause, ist es brutal heiß, vierzig Grad sogar. Es brennen die Wälder. Die Luft ist schlecht und unsere Freunde leiden. In Mexiko herrschen 32 Grad, es hat geregnet, was gut ist für die Vegetation. Hier in der Schweiz regnet es dauernd. In Teilen Deutschlands und der Schweiz gibt es gerade katastrophale Überschwemmungen. Auf der Voralp aber wechseln sich Sonne mit Regen ab, die Landschaft ist entrückt von allem. Die Gegend hat große Vorteile für uns, auch weil wir viele Freunde im Raum St. Gallen und Appenzell haben. Regulas Eltern wohnen in Buchs. Wir kennen uns etwas aus hier. Regula sowieso. Vieles ist ihr fremd und vertraut zugleich. Wir tasten uns also durch die Schweiz und treten öfters ins sprichwörtliche Fettnäpfchen. Im Obi-Baumarkt in Abtwil lösen wir prompt das Parkticket nicht, weil wir denken, dass es gratis ist für die erste Stunden. Und wir blockieren wie Amateure die Ausfahrt. Obwohl ich in Abtwil aufgewachsen bin verfahre ich mich mehrfach auf der Suche nach dem Eingang zum IKEA. Wir kennen alles aber doch alles nicht und es kommt die Frage auf, wo wir denn eigentlich zu Hause sind. Wir sind genauso Amerikaner wie Schweizer und als zeitweise Wahl-Mexikaner suche ich verzweifelt nach Tequila. Den trinkt man hier anscheinend aber nicht. Ich finde endlich eine überteuerte Flasche von mittlerer Qualität in einem Spezialgeschäft. Die Rigatoni a Tequila sind damit also gerettet.
Nun schaue ich mich im Migros-Laden um und gucke die Schweizer an. Sie sehen alle noch so aus wie ich sie in Erinnerung habe. Sie tragen modernere Haarschnitte und modische Brillen, Ami-Käppi und bunte Hemden und sind etwas wohlgenährter als in meiner Jugendzeit. Sie kaufen in erster Linie in Plastik eingeschweißtes Obst und Gemüse ein. Joghurt besteht in der Migros aus Stärke, Milchfett und viel Zucker. Irgendwie ist der Plastik-Anteil hier fast noch größer als in den USA. Aber man kann alles trennen und schnell vergessen, damit mindestens die Wohnung sauber aussieht.

Am Abend gehen wir nach St. Gallen und treffen unsere Freunde Markus und Martina. Sie leben noch immer in ihrer Wohnung im Westen der Stadt und haben sich entschieden, Kinder zu haben anstatt durch die Welt zu reisen. Wir laufen durch die mausgrauen St. Galler Gassen, wo es Pflastersteine in geradezu beängstigenden Mengen gibt. Wir gehen vorbei an unserem schönen Fachwerkhaus an der Gallusstrasse, dass ich mit einer Schwester besitze und in dem Regula und ich mehrere Jahre lebten. Wie immer in der Altstadt, wenn ich die breiten, zu Stein erstarrten Straßen überquere, erwarte ich irgendwie, dass gerade eine Kolonne von geschorenen Wächtern der heiligen Inquisition auf dem Weg zu einer Hinrichtung um die Ecke biegt. Statt übereifriger Kirchenväter sehe ich aber nur junge Männer mit langen, wilden Bärten und kichernde, überparfümierte junge Frauen, die alle aussehen wie Kim Kardashian. Die Männer sind alle haarig und tätowiert wie bei uns in Oregon. Anscheinend ist die Männermode von Amerika aus in die Schweiz geschwappt. Die Mädchen, wenn sie nicht perfekt Kim imitieren, haben wieder die gleich geschnittenen Hosen und Jacken wie wir das Anfang der achtziger Jahre cool fanden. Das Restaurant San Lorenzo, passend benannt nach dem christlichen Bild der Stadt, ist noch immer genau wie vor 30 Jahren. Selbst die Karte ist dieselbe. Nur die grauen Haare unserer Freude und die Falten in unseren Gesichtern verraten, dass wir alle älter geworden sind.
Den restlichen Abend verbringen wir zwischen balzenden jungen Leuten im Biergarten des Bahnhofspärkli. Die bärtigen Jungs trinken dunkles Bier wie die in Oregon. Wellen von Marihuana-Rauch wabert durch die warme, feuchte Luft. Die Mädchen im Park kichern und trinken aus mitgebrachten Gläsern und Dosen, die dann im Gestrüpp landen während ab und zu ein sauteures Sportauto mit gut situierten Halbstarken drin um die Ecke dröhnt.
Als alte St. Galler haben wir natürlich gratis in der blauen Zone im Linsenbühl geparkt. Wir werden am Abend mit einem kotzenden Säufer an der Ecke belohnt und misstrauisch von verschiedenen Leuten beäugt. Unsere Freunde gehen zu Fuß nach Hause. Wir versuchen, die Autobahnzufahrt zu finden, denn wie gewohnt ist gerade alles wegen Baustellen gesperrt. Auf der Autobahn sagt Regula nach all dem Trubel, „gut, dass wir auf der Voralp wohnen und dort nur die Heidi, meine Kuh, bimmelt.“ Kühe trinken nicht und sehen noch immer aus wie vor dreißig Jahren. Die Kühe bei uns haben sogar noch ihre Hörner. Es hat sich gelohnt, die alte Heimat wieder einmal zu besuchen.

Ein paar Tage später machen wir am Morgen eine kleine Wanderung. Es beginnt typisch für uns. Ich nehme eine Kamera mit einem Zoom 24-120mm mit und nur einen Polarisationsfilter. Kurz vorher kam der Fotograf Roland Gerth auf einen Kaffee vorbei. Wir waren uns uneinig ob man graue Verlaufsfilter noch braucht. Er benutzt sie noch immer, ich versteh mich auf Photoshop und so lassen wir das heikle Thema. Roland geht an den Walensee und wir gehen hoch in Richtung Kurhaus Voralp. Unten am Straßenrand beim alten Stall von Regulas Großvater hat der Pächter Walter eine amerikanische Flagge mit Bild von Marilyn Monroe gehievt. Er lacht als wir vorbeikommen und sagt, „ich wollte mal was anderes als die Schweizer Flagge sehen.“
Wir laufen locker 200 Höhenmeter und die Wandergruppen und E-Bike-Rentner sind verschwunden.
Wir kommen auf eine erste kleine Alp mit Kühen. Unten sieht man den Voralpsee und weiter hinten das Rheintal. Da wir noch fit sind steigen wir immer weiter das Tal hoch. Überall hat es Wildblumen und Kühe mit lauten Glocken. Irgendwann erreichen wir das Ende des Tals und es wird steinig. Große Büsche mit blühenden Alpenrosen wachsen an den Hängen. Es schellt aus allen Ecken. Kühe überall, Kuhfladen und Fliegen ohne Ende. Die Landschaft ist komplett zertreten und versumpft von den schweren Viechern und es ist ein Gebimmel, dass man sich fast nach der Ruhe in der Stadt sehnt.
Die Kühe sind alle freundlich und wir grüßen sie und kraulen einigen das Fell. Sie tun mir leid, denn wer will schon dauern eine laut schellende Glocke um seinen Hals haben und bei jeder Bewegung Lärm erzeugen. Die Bauern, von Grund auf konservativ, glauben, dass die Glocke einfach Tradition ist und dass Kühe auf hochalpinen Wiesen ökologisch wichtig sind. Lustigerweise sind dieselben Traditionalisten nun gerne bereit, das geschnittene Gras mit motorisierten Laubbläsern den Berg runter zu blasen und das Heu in Plastik einzupacken. Es ist eine selektive Auslegung von Tradition, aber wer einmal mit einem Landwirt gesprochen hat weiß, dass diese Diskussion sinnlos ist. So geht die subventionierte Alpverschandelung und die Lärmbelästigung immer weiter.
Nun geht es steil den Bergrücken hoch. Wegen Absturzgefahr gibt es einen Zaun, der die Kühe von den Klippen fernhält. Der Weg windet sich hoch zum Kamm und die Vegetation ist hier intakt und voller Wildblumen, darunter auch der blaue Enzian. Keine Kühe und dafür mehr Pflanzenvielfalt. Ganz oben stehen wir in einem Blütenmeer und schauen ins Tal hinunter. Wir sehen den Walensee und die Autobahn. Wir sitzen wie in einem Adlerhorst und es geht auf beiden Seiten in die Tiefe hinunter. Hier lässt es sich aushalten denke ich. Weit unten höre ich das Gebimmel der Kühe und rechts, noch weiter unten, die Schweizer Moderne.
Abends sitzen wir im Skihaus Gamperfin, einem urigen Restaurant, in dem sich gerade mehrere Generationen von Regulas Familie aufhalten. Wir sitzen an groben Holztischen und trinken sauren Most. Draußen zieht ein Gewitter auf. Regen prasselt auf die grüne Landschaft. Die Sonne bricht durch und eine Tante sagt, „da gibt es sicher einen Regenbogen”. Ich gucke den Kamm hoch. Mein Blick schweift über die Wiesen und ich sehe einen braunen Regenbogen queer über der Landschaft liegen. Es ist ein Bauer, der die Gülle in hohem Bogen über die Felder schleudert. „Alles beim alten“, denke ich, „die Schweiz bleibt die Schweiz”. Dann trifft mich der Güllegestank wie eine Ohrfeige und Regula sagt, “mach das Fenster zu”.
© Christian Heeb 2021. Foto Workshop Voralp












